Medusa Bitch, lass uns doch mal was spielen

…und dann wollten die Fachleute „der Sache mal auf den Grund gehen“… Nach Jahrzehnten Verhaltenstherapie, möchte ich nicht sagen, dass diese Behandlungsform – ja dieses Denk-und Fühl-Training – überflüssig gewesen wäre. Ohne sie, könnte ich die Trauma-Therapie heute wohl nicht von Medikamenten frei angehen. Und das ist für mich einfach effektiver. Ich wäre wohl auch noch nicht zu dem Selbstmitgefühl fähig, das ich in dem Gleichnis Medusa / Trauma an die Stelle des Spiegels setze, um hier spielerisch die Blockaden zu überlisten. Ich habe meine Zeiten der Schuldzuweisung und des Selbstmitleids hinter mir lassen können, weil mir mein Leben in Selbstverantwortung eines Tages erstrebenswert genug erschien, mir rigoros in den Arsch zu treten. Immer und immer wieder. Ja, ich war hart zu mir. Bis mich ein Arzt mal fragte, ob das nicht auch etwas liebevoller ginge. So wurde mir schlagartig klar, dass es „normal“ war, anders zu sein, zu reagieren, mich nicht anpassen zu können, ohne dass der Körper lautstark rebelliert hat. Mir wurde klar, dass ich mich dafür nicht verurteilen sollte und dass dies auch keinem anderen zustand. Also die Basics quasi. Und alles nur, weil aus einer „STÖRUNG“ eine „VERLETZUNG“ wurde. Die Begriffe und Bezeichnungen in der Psychiatrie sind teilweise echt ungesund. So wie „Krankenhaus“.

Und nun? Also ich meine, dann? Ich hatte doch alles schön verpackt und gelernt, mich angemessen zu verhalten und bloß nicht aufzufallen. Jetzt soll ich der Medusa doch noch den Kopf abschlagen, weil mein Herz mich geschockt hat? Weil es mich vor die Wahl stellte:
„Entweder du klärst das oder ich mach schlapp!“
„OK. O.K. O.K. Wir gehen in die Traumaklinik!“

Und hier bin ich nun im zweiten Monat und es ist schon erstaunlich, dass es so ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte, das wird die übelste Wurzelbehandlung, die man sich ohne Narkose vorstellen kann. Ich dachte, hier würde ich womöglich wieder richtig depressiv oder sogar endgültig wahnsinnig. Doch ich habe mich – wie so oft im Leben –geirrt und dann war ich – mal wieder – verblüfft. Von der Sache, vom Hirn, vom Menschen, ja von mir selbst auch.

Selbstmitgefühl also, als Analogie zum spiegelnden Schild in der Sage der Medusa. Es geht darum, dem Schrecken nicht direkt ins Gesicht zu blicken, weil ich dann sofort wieder erstarre, dissoziiere, mich retraumatisere. Ich begriff schon nach zwei Wochen auf der Station, dass ich es langsam angehen und der Sache ganz behutsam auf Samtpfötchen näher kommen sollte. So wie man einem kleinen Kind eine ungemütliche Wahrheit mit Feingefühl und bestenfalls viel Fantasie beibringt, so gehe ich hier auch an die Arbeit mit den wilden Fragmenten aus der Vergangenheit. Denn überall wo Schuld und Scham im Spiel sind, kommst du nur mit Nachsicht dir selbst und deiner Umwelt gegenüber weiter, näher und auch da durch. Ich finde hier keine Beweise und auch keine Hologramme in denen mir Prinzessin Lea geheime Botschaften überbringt. Ich stehe ganz nah bei der Medusa und ich halte meinen Schild ins Licht und ich sehe hin, vorbei an Angst und Zorn. Ich neutralisiere und sortiere die Schlangen zu geflochtenen Zöpfen, ich trauere und ich nehme mich an. Und ich verstehe, warum ich mein halbes Leben wie eine Sau durchs Dorf getrieben wurde, von mir selbst. Und ich verstehe, dass Unrecht immer eine Verkettung von Generation zu Generation sein kann. Ich will nicht den Begriff „vergeben“ benutzen. Ich denke „kapieren“ tut es auch. Ob es am Ende wirklich dazu kommt, dass der Kopf der Medusa rollt oder ich sie einfach als Kleiderständer umfunktioniere, das weiß ich jetzt noch nicht so genau.

Der Leser möge an dieser Stelle nicht neugieriger sein, als ich es selbst bin. Die Geschichte oder vielmehr die zahlreichen noch darauf basierenden Wiederholungsmuster aus meinem Leben so konkret zu benennen, würde sowohl bei mir – als auch bei Dir zur Schockstarre führen. Noch schlimmer ist eine „uhhhhh und ahhhhhh“ Sensationsgeilheit. Alles schon erlebt. Aber die Krux mit den Erklärungen an das engste Umfeld nehme ich mir ein andermal vor.

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