Abdrücke: Konfrontation mit dem Maulwurf

Der Blog entwickelt sich zu einer Art Beatmungsgerät, wenn ich kaum noch an mich halten kann, mit dem Luft anhalten, versteht sich. Mit dem Schweigen. Und immer diese Aufregung, bloß nicht zu viel zu erzählen. Und auf der anderen Seite: „Was kein Geheimnis mehr ist, kann auch kein Druckmittel sein, Darling.“ Mal sehen.

Der heutige Montag in der Klinik, –exakt im letzten Monat– hatte es in sich. Selbst die Therapeutin meinte: „Wir sind schon wieder viel zu weit.“
Und ich spüre es. Dieses Katz und Maus Spiel mit meinem Kopf, den Erinnerungen, soweit zugänglich, doch vorallem mit den Konstrukten drumherum, die ich mir (leider geil), selbst geschaffen habe.

„Was also ist mit Ihnen selbst?“
„Was meinen Sie mit -Ihnen selbst-?“
„Ich kenne nun Ihre Anteile. Doch ich frage Sie nach Ihnen, das ist richtig.“

Und das tut sie immer wieder. Der geneigte Leser würde jetzt sagen:
„Das ist doch die emolescope, die ist mal witzig, mal ernst, mal flach, mal tief. Da frage ich mich eh schon die ganze Zeit, was die überhaupt haben sollte. Und jetzt wird sie komplett in Frage gestellt? Und wen zum Henker, lese ich denn hier?“

Glaub mir, es verwirrt mich selbst und doch habe ich es heute gespürt, als drückte sich kurz mein „innerstes Ich“ durch den Brustkorb, das heiser und gedämpft zu rufen versuchte, dass es hier sei und dass ich ihm die Hände reichen sollte, hingucken, nicht vergessen, es vielleicht sogar endlich befreien von all dem Schrott, der Erde. Ein Maulwurf-Mädchen? Oder eben wirklich dieses sagenumwobene ICH.

Und ich erklärte abermals die Konstrukte meiner Persönlichkeit:

Da ist ein rotzfrecher Hase, dem niemand was kann und der nach dem ersten Schlag immer noch grinsend die andere Wange hinhält und der in gewisser Hinsicht ein Punk sei. Und natürlich die Sirene, die allem Anschein nach immer noch reizvolle Frau, die zugleich ein Moral-Apostel war und vielleicht sogar eine Art Tarantel, Medusa, der ganze Scheiß. Und das, obwohl sie sich eine ganze Weile im Milieu aufgehalten hatte und jeden perversen Scheiß kannte. Wie sie da hineingeraten war? Naja, das ist wirklich eine sehr lange Geschichte. Oder vielmehr, es gibt diverse Theorien. Das alles ist aber gerade nicht wirklich wichtig. Das ist noch dazu tabuisiert, schafft möglicherweise falsche Bilder, pappt Stempel auf und läßt mich am Ende wie der letzte Arsch dastehen.

Es geht seit heute als bahnbrechende Erkenntnis um etwas ganz anderes. Nämlich darum, dass ich offenbar weder ein abgebrühter Hase, noch eine Sirene, noch eine muhende Kuh, noch eine Heilige, noch eine Hure bin. Ich bin unter all dem verschüttet.

Ich bin die erwachsene Version eines jungen Mädchens, das gerne zur Schule ging, überlange Aufsätze schrieb, ihr Federmäppchen jeden Tag sauber sortiert hatte, am weißen Flügel nach Gehör Chopin interpretierte, Operetten-Playbacks zu Klassik-Schallplatten im Wohnzimmer aufführte, malte und ziemlich lieb war. Lieb und ehrgeizig. Ich hatte schon ganz früh Ziele. Ich habe an mich geglaubt. Und irgendwann gewöhnte ich mir ab, meine Eltern zu fragen, was denn nun mit Schule sei, weil sie bereits ganz andere Pläne mit mir hatten. Und dann vergrub ich mich und wurde zum Maulwurf. Und dann hab ich mir die Welt von unten angeguckt und jetzt weiss ich grad auch nicht.

Cliffhanger.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Abdrücke: Konfrontation mit dem Maulwurf

  1. Gestern, als ich deinen Beitrag las, blieb mir fast die Luft weg. Irgendetwas wollte und will ich immer noch schreiben, aber ich tu mir schwer mit dem Formulieren. Habe mich mit mir auf folgendes geeinigt.

    Eindrucksvoller Text, herzlichen Dank fürs Teilen! Ich finde das sehr mutig von dir.

    Alles Liebe und Gute!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s