Der Moment vor dem Ausstieg „hier & jetzt“

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Gerade war alles noch in Butter. Wir haben uns unterhalten, vielleicht haben wir telefoniert oder nur geschrieben. Und mein Gegenüber könnte sich gewundert haben, warum ich plötzlich aus dem Rahmen gefallen bin, in den ich bislang so schön gepasst habe. Vielleicht wurde aus Geduld die Ungeduld und aus Vertrauen das Misstrauen, aus Anstand etwas eher Vulgäres. Auch ich hatte zuvor ein Bild meines Gegenübers und auch er oder sie ist diesem Rahmen offenbar entglitten. Was mir in der Dissoziation und dem Sprung in eine andere Identität leider (noch) nicht möglich ist: Halt Stop zu rufen, Vollbremsung machen, auflegen, rausgehen, mich regulieren und zurück auf Anfang. Ich sehe verschwommen und nichtmal das ist Alarm genug, weil ich es gewohnt bin weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Nur nicht auffallen jetzt…jetzt…jetzt….und dann ist dieser Moment längst vergangen und ich zappel noch und es ist unmöglich von meinem Gegenüber zu verlangen: „Lenk ein! Lenk mich verdammt nochmal ein, siehst Du nicht, dass ich uns mit 180 gegen die Wand fahre?“. Dazu müsste man mich besser kennen. Dazu kommt es aber meistens nicht. Schade. Marmelade. Ist ja auch lecker. Mit kalter Butter.

Nach Stunden, manchmal Tagen oder sogar Wochen…in meiner Ehe waren es sogar Jahre, spule ich zurück zu dem verschwommenem Bild welches das ABSCHNEIDEN ankündigte und lese die Fragmente auf, die mir bis dahin blieben. Inmitten der Therapie frage ich mich ernsthaft, wieviele ich von den 46 Jahren wirklich „gelebt“ habe und nicht nur „reagiert-agiert“. Und ich frage mich auch, wieviel ich in Zukunft bewusst wahrnehmen werde. Aber das ist mein Antrieb, jetzt für immer besonders achtsam zu sein. Ich war bislang immer sehr achtsam mit meiner Umwelt…doch das ist echt fürn Arsch, solange ich nicht INNERLICH achtsam bin, mit meinen Reaktionen lebe, diese steuere und auch angemessen kommuniziere.

Manche Mitpatienten verändern in so einem Moment die Stimme, ihren Blick, ihre Körperhaltung und sie fragen mich sogar: „Wer bist Du denn?“. Ein bisschen neidisch bin ich darauf ja schon. Das was bei „Depersonalisation“ passiert ist oft so diffus. Aber für krass multiple Persönlichkeiten ist es noch weit schwieriger einen Partner zu finden, einen Job, einen stabilen Freundeskreis oder die totale Annahme innerhalb der Familie.

Wir lernen uns selber anzunehmen. Diese teils zerstörerischen und einsam machenden Aspekte versöhnlich in die Arme zu schließen…ich weiß es nicht… es ist doof. Muss aber und wird. Vielleicht lande ich als Diogenes im Fass, dem es reicht, wenn ihm jemand aus der Sonne geht. Apropos Sonne. Ich entdecke jetzt meine Beine und nehme sie unter den Arm.

 

 

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2 Gedanken zu “Der Moment vor dem Ausstieg „hier & jetzt“

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