Archäologie der eigenen Existenz mit Haarpinsel

Mit Bekanntgabe des Entlassungstermins, geht mir ja hier nochmal … Grundeis. Freigelegt ist das Gröbste und die Feinarbeiten können beginnen. Soweit möglich noch hier und dann später Zuhause und mit Hilfe einer ambulanten Tiefenpsychologin aber doch auch überwiegend in Selbstverantwortung, jeden neuen Tag. Warum ist es eigentlich so wichtig, so genau hinzuschauen? Nicht wirklich komplett auf die Rekonstruktion von Geschehnissen, doch um so mehr auf das, was sich daraus bildete, was mich ausmachte, so oder so. Nun, bislang hatte ich es mit einem wilden Kneuel an Emotionen und willkürlichen Reaktionen zu tun. Das ist meiner Umwelt kaum aufgefallen, denn ich hatte mir ein süffisantes, schlagfertiges Repertoire an Verhaltensweisen angelegt. Irgendwie auch vergleichbar mit einem Flipper, der im Spiel jede Kugel abfängt und richtig Punkte sammelt – auf dem aber irgendwann immer wieder TILT stand und nix mehr ging. Hätte mich eine Person in einem Moment der totalen Euphorie gefragt: „Sag mal Mole, geht’s Dir gerade gut?“ hätte ich womöglich mehr als überzeugend geantwortet: „Aber klar, alles super!“. Unauffällig bis zum Krampfanfall. Unauffällig bis zum wortlosen Rückzug ohne Wiederkehr. Darauf hatte und habe ich keinen Bock mehr. Obwohl ich im Grunde genommen sehr gesellig bin oder auch Zweisamkeit schätze (schätze, das ist gut). Also hebe ich diesen Flipper aus dem Erdreich von vor 46 Jahren…ja selbst das Baby, das ich mal war, wird aufgespürt – nachgespürt. Ich nehme das zerkratzte Glas ab, schraub jeden Counter ab, reinige das Zeug mit einem Haarpinsel, lege es in der richtigen Reihenfolge zurecht und achte beim Zusammenbau darauf, wie alles zusammenspielen sollte. (Dieses Mischen von Metaphern – bildhaft)… aber ich hab Geduld mit mir. Wer sonst?

Nachdem also das Baby – die kleine Pianistin – der rotzige Hase- die Märtyrerin und die Lady Gaga eine Komprimierung dieser wilden Persönlichkeiten darstellt, wird jeder einzelne in den Zeugenstand gerufen. Ich will wissen, was sie für Bedürfnisse haben und ich will diesen Bedürfnissen in Zukunft gerecht werden. Ohne sie geht es nicht. Sie sind ich. Sie haben es immer gut gemeint im Sinne von „überleben“. Sie haben aber auch Scheisse gebaut. Eigentlich wäre es ihnen womöglich immer schon lieber gewesen, ich hätte mich als eine Art Übermutter um alles selbst gekümmert. Der Disney Film „Alles steht Kopf“, den mochten sie alle 5. Aber am meisten mochten sie mich und sie haben gekämpft. Sie haben sich auch untereinander gestritten, da sie unterschiedliche Moralvorstellungen haben. Was sie im Laufe der Zeit etwas verloren haben, war das Zutrauen in mich. Darum hatte ich es hier auch die letzten Wochen mit heftigen inneren Widerständen zu tun, die sich in körperlichen Schmerzen, Atemnot und Taubheitsgefühlen äußerten. Gehört alles dazu. Ich hab mir gedacht, ich überzeuge sie nun. Und das Vertrauen wächst langsam. Und in den letzten 11 Tagen auf Station werde ich einen Plan ausarbeiten. Will der Hase Möhrchen, bekommt er sie. Will die Kleine Mole Klavierstunden, auch das. Die Märtyrerin kann sich im Yoga quälen und bekommt auch ihre berufliche Rehabilitation zurück und die verrückte Lady mit der Maske auf dem Kopf, die bekommt vielleicht Batman – auf jeden Fall aber eine herrlich schräge Rolle in meinem Buch.

Ich hab verdammt viel zu tun. Mein größter Wunsch ist, organisch gesund zu bleiben. Weil so lange bin ich ja noch nicht wirklich hier. Und egal wie kaputt die Welt gerade erscheint…da draußen…ich will leben. Glücklich defragmemtiert und einigermaßen „EINDEUTIG“ für meine Umwelt. Und das was ich hier beschreibe, also so diverse Anteile, hat jeder im gewissen Maße, mal bewusster, mal unbewusster. Ich glaube, der Blick auf seinen „inneren Kern“, die Anteile und die eigene Vielschichtigkeit lohnt sich immer. Also Psychohygiene, wie Zähne putzen. (Hör mit diesen schulmeisterhaften Bekehrungs-Versuchen auf, Mole!) Hä?

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2 Gedanken zu “Archäologie der eigenen Existenz mit Haarpinsel

  1. Hallo Mole! An vielen Stellen erkennen ich mich in deinem Text.
    „Glücklich defragmentiert“ hat es mit besonders angetan!
    Ich hoffe, du hast noch eine gute Zeit in der Klinik und bist gewappnet für das danach. Du klingst jedenfalls sehr positiv!
    Alles Liebe, MrsTingley

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mrs Tingley, ich hab ein bisschen Bammel, mich zu „verlieren“ im Alltag. Doch ich bereite das vor. Und wenn ich die ganze Wohnung mit Post its zukleistere. 🙂 Deine Antwort freut mich sehr. Motiviert. Lieber Gruß Mole

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